Wie Sie Arbeiten in der Höhe richtig sichern

Wie Sie Arbeiten in der Höhe richtig sichern

Als ich vor einigen Tagen eine Baustelle besuchte, auf der Hochregale gebaut werden, hatte ich eine heftige Diskussion mit einigen Mitarbeitern über den Sinn bzw. Unsinn der Persönlichen Schutz-
ausrüstungen (PSA) gegen Absturz. Die Mitarbeiter vertraten die Auffassung, dass sie durch das „Gurtzeug“ nur behindert würden und sich im Fall eines Abrutschens schon selbst abfangen und festhalten könnten!

Abstürze und Stolpern sind mit die häufigsten Unfallursachen auf Baustellen und in Industriebetrieben. Abstürze bilden dabei aber wegen ihrer Häufigkeit und auch wegen der Schwere der Folgen einen Schwerpunkt. Die thüringischen Arbeitsschützer vermeldeten, dass der Absturz in ihrem Zuständigkeitsbereich mit 42 % die häufigste Unfallursache im Jahr 2009 war.

Ein Kollege von mir hat vor wenigen Wochen die sicherheitstechnische Betreuung eines Montageunternehmens für Solaranlagen übernommen, weil ein Mitarbeiter tödlich verunglückt ist. Unfallursache waren wohl mangelnde Unterweisung und fehlende PSA gegen Absturz. Bis dahin war das Unternehmen auf Wachstumskurs und es ging ihm gut. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte der Unternehmer aber auch die sogenannte Klein- unternehmerregelung nach der Berufsgenossenschaftlichen Vorschrift (BGV) A2 genutzt und sich selbst um den Arbeitsschutz gekümmert. Nun wurde ihm schlagartig durch die Behörden klargemacht, dass seine Fachkenntnisse dazu nicht ausreichten. Seine Gefährdungsbeurteilung war unzureichend.

Gefährdungsbeurteilung: Vorsicht, Falle!

Immer dann, wenn Ihre Mitarbeiter in einer Höhe von mehr 100 cm über dem Erdboden im Einsatz sind, müssen Sie prüfen, ob Absturzgefahr besteht. Sie müssen also eine Gefährdungsbeurteilung anfertigen. Aus dieser Beurteilung müssen Sie dann die erforderlichen Maßnahmen ableiten und ergreifen, die einen Absturz verhindern. Sie werden kein Gesetz finden, das vorschreibt, wie diese Gefährdungsbeurteilung aussehen muss. Ein einfaches Protokoll, in dem Sie die Gefährdung notieren und Maßnahmen anordnen, kann dafür schon ausreichend sein. Allerdings muss diese Gefährdungsbeurteilung mit dem notwendigen Sachverstand angefertigt werden.

Das Arbeitsschutzgesetz sieht vor, dass sich der Unternehmer externen Sachverstand hinzuholen muss, wenn seine Erfahrung und Kenntnisse nicht ausreichen, um die Gefährdungssituation richtig zu beurteilen. Genau in diese Falle ist der zuvor beschriebene Unternehmer für Solaranlagen getappt. Vorrangmaßnahme ist immer die technische Absturzsicherung etwa durch ein 3-teiliges Geländer. Ab einer Absturzhöhe von 12 m muss dieses eine Höhe von 110 cm haben, darunter reichen 100 cm Geländerhöhe.

Achtung: Flatterband ist keine Absturzsicherung und darf als solche auch nicht genutzt werden!

Handelt es sich bei einem Höhenarbeitsplatz um einen dauerhaft oder wiederkehrend verwendeten Arbeitsplatz für Wartungs- und Inspektions- arbeiten, muss dieser entsprechend mit einer technischen Absturz-
sicherung ausgerüstet sein. Zum Fensterputzen an Gebäudefronten sind also Arbeitsbühnen erforderlich. Es ist nicht zulässig, die Mitarbeiter anzuseilen und am Seil herunterzulassen.

In einem Bäderbetrieb hatte ich einmal genau diese Diskussion. Bei der Planung und Bauausführung hatten die Fachplaner schlichtweg vergessen, die Reinigung der Lichtbänder und Lüftungsauslässe in gut
15 m Höhe über den Schwimmbecken zu berücksichtigen. Ein Reinigungs-unternehmer bot dann tatsächlich an, dieses Problem zu lösen, indem er ein Seil über den Mittelträger werfen und einen kleinen und leichten Mitarbeiter dorthin manuell hochziehen lassen wollte. Natürlich kam diese Methode nicht zum Einsatz.

Der Einsatz von Leitern ist z. B. für Reinigungsarbeiten maximal bis zu einer Höhe von 7 m zulässig und wäre dort keine Lösung gewesen.

Das Aufstellen von Hubarbeitsbühnen kam auch nicht infrage, weil im Bereich um die Schwimmbecken keine ausreichende Standfestigkeit gegeben war. Als Lösung blieben einzig das Ablassen des Wassers und der Aufbau eines Gerüsts.

Wäre der Arbeitsschutz bereits in der Planung einbezogen gewesen, wären die jetzt entstehenden Mehrkosten vermieden worden. Seit Sommer 2010 schreibt die Arbeitsstättenverordnung (Arb StättV) auch genau dies verbindlich vor. Eine Gefährdungsbeurteilung ist schon vor der Errichtung einer Arbeitsstätte zu erstellen. Wenn Sie sich also in Ihrem Unternehmen an die ArbStättV halten, können Sie zukünftig solche nachträglichen Kosten vermeiden.

Sie müssen erst alle Möglichkeiten der technischen Absturz- sicherung aus- geschöpft haben. Nur wenn dann noch ein Restrisiko des Absturzes besteht, dürfen Sie zusätzlich PSA gegen Absturz einsetzen.

PSA gegen Absturz nur als nachrangige Maßnahme erlaubt

Erst wenn klar ist, dass weder technische noch organisatorische Maßnahmen ausreichen, um die eingesetzten Beschäftigten vor dem Absturz zu schützen, kann PSA zum Einsatz kommen. Die gesetzliche Grundlage dafür schafft die Technische Regel für Betriebssicherheit (TRBS) 2121 „Gefährdung von Personen durch Absturz“. Den Stand der Technik spiegelt auch die Berufsgenossen-schaftliche Regel (BGR) 198 „Einsatz von persönlichen Schutzausrüstungen gegen Absturz“ wider. Doch auch dabei sind Randbedingungen, insbesondere hinsichtlich deren Verwendbarkeit, zu beachten.

Einer der häufigsten Fehler ist der Umstand, dass die PSA gegen Absturz gar nicht zur Wirkung kommen würde, weil die Länge aus Auffanggurt und Verbindungsmittel mit Falldämpfer größer ist als die mögliche Absturzhöhe.

Planen Sie bei der Festlegung der Arbeitshöhe eine Sicherheitstoleranz von mindestens 300 cm mit ein. Berechnen Sie die Arbeitshöhe wie folgt: Verbindungsmittellänge einschließlich Falldämpfer + Aufreißlänge des Falldämpfers + 300 cm Sicherheitstoleranz.

Oft werden zwar Geschirre getragen, aber nicht in die dafür vorgesehenen Halteeinrichtungen eingehakt. Sie sind somit wirkungslos!

Rettung und Notfallmaßnahmen vorbereiten

Fällt ein Beschäftigter in das Rettungsgeschirr, ist Eile bei der Rettung geboten Bereits nach 20 Minuten hängend im Rettungsgeschirr kann es durch den orthostatischen Schock zu ernsthaften gesundheitlichen Problemen bis hin zum Tod für den Verunfallten kommen.

Aus diesem Grund ist eine Alleinarbeit in der Höhe trotz PSA gegen Absturz grundsätzlich ausgeschlossen.

Das hat zur Konsequenz, dass Sie sich bereits im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung vor einer Arbeitsaufnahme Gedanken zu einer möglichen Notfall-situation machen müssen. Sprechen Sie solche Arbeiten vorher mit der zuständigen Rettungsleitstelle ab. Klären Sie ab, in welchem Zeitrahmen unter Umständen professionelle Höhenretter der Feuerwehr zur Verfügung stehen könnten. Nur wenn diese Zeit weniger als 10 Minuten beträgt – das ist in Großstädten inzwischen häufig der Fall –, können Sie in Erwägung ziehen, auf eigene Rettungsmaßnahmen zu verzichten. In allen anderen Fällen müssen Sie Maßnahmen für eine mögliche Personenrettung vorbereiten. Die BGR 199 „Benutzung von persönlichen Schutzausrüstungen zum Retten aus Höhen und Tiefen“ hilft Ihnen dabei weiter und kann als Stand der Technik mit Vermutungswirkung eingesetzt werden.

Bei der Festlegung möglicher Rettungsmaßnahmen durch Feuerwehr und Rettungsdienst müssen Sie unbedingt daran denken, die Auffindbarkeit Ihrer Montagestelle sicherzustellen. Einsatzkräfte können Ihnen nicht helfen, wenn sie Unfallstellen auf Baustellen, dem Land oder im Wald langwierig einkreisen müssen, um anzukommen.

Unterweisung vor Arbeitsbeginn

Vor Aufnahme der Arbeiten in der Höhe mit PSA gegen Absturz sind die Beschäftigten im Umgang mit dieser PSA in Theorie und Praxis umfangreich zu unterweisen. Diese Unterweisung ist mindestens einmal im Jahr zu wiederholen.

Auch müssen die Mitarbeiter im Umgang und Einsatz mit Rettungsmitteln, die zum Einsatz kommen, unterwiesen werden. Sie müssen also wissen, dass eine verunfallte Person, die in einem Rettungsgeschirr hing, niemals sofort hingelegt werden darf, solange das Bewusstsein nicht gestört ist. Diese Personen müssen sitzend gelagert werden und dürfen nur langsam in die flache Lage gebracht werden. Durch eine plötzliche Flachlagerung kann es zum orthostatischen Schock und damit zu Herzversagen kommen.

Für den Einsatz von PSA gegen Absturz müssen Sie eine Betriebs- anweisung anhand der Bedienungsanleitung des Herstellers und Ihrer Gefährdungsbeurteilung erstellen.

Eine Musteranweisung finden Sie
in unserem Downloadbereich unter
www.bwr-media.de/abonnenten.

An dieser Stelle kehre ich noch einmal zum eingangs erwähnten Fall zurück. Den Arbeitern auf besagter Regalbaustelle habe ich erklärt, dass sie ja nicht abrutschen und abstürzen, wenn sie es erwarten.
Vielmehr ist häufig ein anderes vorhergehendes Ereignis der Auslöser– z.B. ein herabfallendes Werkzeug, eine plötzliche Ohnmacht, eine Unachtsamkeit, …! In dieser Situation haben sie aber keine Chance mehr, noch rechtzeitig zu reagieren. Sind sie einmal im freien Fall, sind die wirkenden Kräfte viel zu groß, als dass sie sich noch abfangen könnten. Auch diese PSA soll also dazu bei- tragen, dass sie nach getaner Arbeit wieder gesund zu ihrer Familie nach Hause zurückkehren.

Regelmäßige Prüfungen erforderlich

PSA gegen Absturz ist arbeitstäglich vor der Anwendung durch deren Träger auf augenscheinliche Mängel hin zu überprüfen. Nehmen Sie in Ihre Unterweisung auf, wie diese Überprüfung durchzuführen ist.

Sind Teile des Gurtzeugs beschädigt, darf die Ausrüstung nicht mehr verwendet werden. PSA, an denen die Kennzeichnung (Hersteller, Hersteller- angaben usw.) und/oder das CE-Zeichen fehlen, dürfen ebenfalls nicht mehr verwendet werden! Gleiches gilt, wenn die Kenn- zeichnung der letzten Überprüfung durch einen Sachkundigen nicht mehr vorhanden ist. Die letzte Prüfung durch eine sachkundige Person darf nicht länger als 12 Monate zurückliegen. PSA gegen Absturz muss also mindestens einmal im Jahr durch eine sachkundige Person geprüft werden. Ebenso ist eine Sachkundigenprüfung erforderlich, wenn die PSA zum Einsatz kam, also eine Person in diese PSA gestürzt ist und aufgefangen wurde.

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