Räumungsübungen: So sorgen Sie für den Ernstfall vor

Räumungsübungen: So sorgen Sie für den Ernstfall vor

Auch Ihr Betrieb sollte darauf eingestellt sein, dass wegen eines Brandes oder eines anderen Notfalls das Gebäude schnellstens geräumt werden muss, um Leib und Leben der Mitarbeiter zu schützen. Darum schreibt das Arbeitsschutzgesetz (§ 10) vor, dass der Arbeitgeber entsprechend dem vorhan- denen Risikopotenzial Vorkehrungen zur Ersten Hilfe, Brandbe-kämpfung und Evakuierung der Beschäftigten treffen muss. Die Technische Regel für Arbeitsstätten „Fluchtwege und Notausgänge, Flucht- und Rettungsplan“ (ASR A2.3) verlangt außerdem regelmäßige Räumungsübungen im Rahmen des Flucht- und Rettungsplans. Lesen Sie hier, was Sie bei der Planung und Durchführung dieser Übungen beachten sollten.

Die wichtigsten Ziele

Bei den Übungen geht es darum, das richtige Verhalten im Ernstfall zu trainieren, Panik zu vermeiden und ein sicheres Verlassen der gefährde- ten Betriebsbereiche zu ermöglichen. Durch Räumungsübungen können Sie feststellen, wie gut oder schlecht Ihr Betrieb dabei abschneidet. So bekommen Sie aufschlussreiche Erkenntnisse zu diesen lebenswichtigen Fragen:

• Kann die Alarmierung zu jeder Zeit und ohne Verzögerung ausgelöst werden?

• Erreicht die Alarmierung alle Personen, die sich im Gebäude aufhalten?

• Sind sich alle Beschäftigten (und ggf. auch Besucher) über die Be- deutung der jeweiligen Alarmsignale im Klaren?

• Können die Fluchtwege schnell und sicher benutzt werden?

Wie oft müssen Sie üben?

Ob Sie Räumungsübungen im jährlichen Turnus, alle 2 Jahre oder in größeren Abständen durchführen müssen, ist gesetzlich nicht festgelegt, sondern hängt von der besonderen Situation des Betriebs ab (Hochhaus, Brandgefahr u. ä. Risikoexposition). Sie sollten dies daher aufgrund Ihrer Gefährdungs-beurteilung entscheiden. Die ASR A2.3 schreibt außerdem vor,dass Sie bei der Festlegung der Häufigkeit und des Umfangs der Räumungsübungen sowie zu deren Durchführung erforderlichenfalls die zuständigen Behörden hinzuziehen müssen.

Bestimmen Sie Beauftragte

Das Wichtigste bei der Durchführung einer Räumungsübung ist, dass sie möglichst reibungslos und geordnet abläuft und jeder weiß, was er zu tun hat. Eine gute Vorbereitung ist darum unerlässlich. Als erste Maßnahmen sind daher Personen zu benennen, die zentrale Funktionen im Evaku- ierungsfall übernehmen.

Die wichtigsten Beauftragten

• Der Brandschutzbeauftragte: Vorgeschrieben ist er nach den Verkaufs- stättenverordnungen, Industriebaurichtlinien und anderen Vorschriften der Länder z. B. für Industriebauten mit Geschossflächen von insgesamt mehr als 5.000 m². Er wird durch entsprechende Schulungen auf seine Aufgaben vorbereitet. Er kümmert sich um alle Fragen des Brandschutzes im Unternehmen, unterweist die Kollegen und berät den Arbeitgeber in allen baulichen, technischen und organisatorischen Brandschutz- angelegenheiten. Auch wenn ein Brandschutzbeauftragter nach den Buchstaben des Gesetzes nur in bestimmten Betrieben Pflicht ist, nimmt er auch anderswo eine nützliche Funktion im Sinne der Schadens- verhinderung und -minderung wahr – Sachversicherer wissen das und gewähren dafür häufig Prämiennachlässe.

• Der Räumungsbeauftragte (auch Evakuierungshelfer genannt): Das sind zuverlässige und verantwortungsbewusste Kollegen, die für einen bestimmten Gebäude- oder Betriebsbereich (z. B. eine Etage, eine Werks- halle) zuständig sind. Dieser Bereich darf nicht zu groß sein, denn der Räumungsbeauftragte muss diesen mühelos überblicken oder ohne größeren Zeitverzug kontrollieren können. Je weitläufiger das Betriebs- gelände, je mehr Stockwerke und Hallen, umso mehr Räumungs- beauftragte werden folglich gebraucht.

• Räumungsbeauftragte haben die Aufgabe, im Fall einer Evakuierung die Räumung zu koordinieren. Sie melden einem zentralen Ansprechpartner, ob sich noch Personen in ihrem Bereich befinden oder der Bereich komplett geräumt wurde.

• Der zentrale Ansprechpartner, z. B. der Pförtner, meldet wiederum diese Informationen der eintreffenden Feuerwehr. Zusätzlich sorgen Räumungs-beauftragte dafür, dass auch Behinderte rechtzeitig in Sicherheit gebracht werden.

• Türposten (oder Brandschutzhelfer): Sie hindern Personen daran, das Gebäude zu betreten, und sind außerdem Ansprechpartner und „Weg- weiser“ für die Feuerwehr.

• Der Meldebeauftragte nimmt nach der Räumung am festgelegten Sammelpunkt die Meldung des Räumungsbeauftragten über die Voll- ständigkeit der Räumung entgegen. Werden Personen vermisst, teilt er dies unverzüglich den Rettungskräften und der Feuerwehr mit.

• Beobachter: Wichtig bei Räumungsübungen ist auch die Benennung einer ausreichenden Zahl von Beobachtern. Sie kontrollieren die Abläufe der Evakuierung und notieren alle Mängel, die sie erkennen.

Achtung: Planen Sie auch Stellvertretungsregelungen ein – der Räumungsbeauftragte kann auch einmal krank sein!

So planen Sie die Übung

Kalkulieren Sie für die Planung einer Evakuierungsübung ausreichend Zeit ein. Ausreichend heißt: Beginnen Sie – je nach Betriebsgröße – mindes- tens 3 bis 6 Monate vor dem geplanten Termin. Informieren Sie jetzt auch die Feuerwehr über die anstehende Übung und stimmen Sie mit ihr den Umfang der notwendigen Hilfeleistung ab.

An den Planungsbesprechungen sollten mindestens ein Vertreter der Geschäfts-leitung, Sie als Sicherheitsfachkraft, der Brandschutzbeauf- tragte und, sofern vorhanden, der Betriebsrat beteiligt sein. Auch ein Vertreter der Werksfeuerwehr (sofern vorhanden) bzw. der örtlichen Feuerwehr sollte nach Absprache mit dabei sein.

3–6 Monate vor der Übung

Klären Sie jetzt folgende Punkte:

• Datum und Uhrzeit der Übung:
Der Zeitpunkt sollte so gelegt werden, dass sie den Betriebsablauf nicht unnötig stört, aber auch nicht „realitätsfern“ ist (z. B. am Freitag spät- nachmittags, wenn die meisten Kollegen schon Feierabend haben). Am besten sind Uhrzeiten kurz vor Dienstschluss oder kurz vor Mittag.

• Ankündigung oder nicht?
Empfehlung:
Kündigen Sie die erste Übung an, damit sich alle gut darauf vorbereiten können. Bei den nachfolgenden Übungen verzichten Sie dann auf die Vorwarnung. Denken Sie auch daran, Termine für die unmittelbare Vor- und Nachbesprechung des notwendigen Personals (Beauftragte, Beobachter) einzuplanen.

Aktualisieren Sie Notfall- und Brandschutzpläne

Nach diesen ersten organisatorischen Festlegungen sorgen Sie dafür, dass alle Notfall- und Alarmpläne sowie Brandschutzdokumente auf den aktuellen Stand gebracht werden. Prüfen Sie dazu folgende Punkte:

• Stimmen die Notfallpläne oder hat sich durch einen Umbau etwas an den Wegen im Gebäude verändert?

• Verfügt die Feuerwehr über die aktuellen Pläne?

• Sind die Fluchtwege ausreichend gekennzeichnet?

• Ist der Sammelpunkt noch aktuell oder muss ein neuer bestimmt werden?

• Wissen alle Verantwortlichen und Mitarbeiter, wo der Sammelpunkt ist?

Zudem ist zu klären, wie ein Alarmfall gemeldet wird:

• Gibt es eine Elektronische Lautsprecheranlage (ELA)?

• Wurde eine entsprechende Ansage aufgenommen?

• Sind die Mitarbeiter mit den Warnsignalen vertraut? Ggf. müssen Sie noch einmal eine entsprechende Sicherheitsunterweisung durchführen.

Für den Fall, dass keine technischen Möglichkeiten wie ELA oder Alarm-systeme installiert wurden, veranlassen Sie, dass Megafone und Handsirenen in ausreichender Zahl an geeigneten Orten vorhanden sind.

4 Wochen vor der Übung

Jetzt sollte eine Schulung der Räumungs- und sonstigen Beauftragten sowie der Beobachter erfolgen (s. o.), vorzugsweise durch den Brand-schutzbeauftragten. Ist der Räumungsplan noch aktuell und sind für alle Bereiche Räumungshelfer benannt? Kennen die Beobachter ihren Beobachtungsposten? Wenn zum Erreichen des Sammelpunkts eine Straße überquert werden muss, ziehen Sie (rechtzeitig!) die Polizei zur kurzzeitigen Sperrung des Geländes hinzu. Für den Fall, dass es leichtere Verletzungen geben könnte, sind Maß- nahmen zu treffen, damit am Sammelpunkt bereits Erste Hilfe geleistet werden kann (Ersthelfer und Erste-Hilfe-Material einplanen!).

Eine Woche vor der Übung

Kontrollieren Sie jetzt noch einmal alle Flucht- und Rettungswege sowie die Feuer- und Rauchschutztüren. Diese dürfen nicht verstellt bzw. ver- schlossen sein. Gehen Sie einen Tag vor dem Termin zusammen mit allen verantwortlichen Personen nochmals den Ablauf der Übung durch.

So läuft die Übung ab

Start ist der zum festgelegten Zeitpunkt ausgelöste Alarm. Die Räumungs-beauftragten koordinieren die Evakuierung der Mitarbeiter; anschließend kontrollieren sie, ob sich keine Personen mehr in ihrem Bereich aufhalten. Die Räumungsbeauftragten verlassen daraufhin das Gebäude und melden sich am festgelegten Sammelpunkt. Hier informieren sie den Melde- beauftragten, dass ihre Bereiche geräumt sind und welche Bereiche sie nicht kontrollieren konnten (z. B. weil sie verraucht oder verschlossen waren). Auch die Räumungshelferbegeben sich zum Sammel- platz. Wenn die Feuerwehr in die Übung eingebunden wird, nimmt sie die zentrale Räumungsmeldung entgegen, lokalisiert den fiktiven Brandherd und „löscht“ diesen. Dann kontrolliert sie das betroffene Gebäude und gibt es wieder frei. Der Brandschutzbeauftragte erklärt die Übung für beendet; die Beschäftigten können wieder an ihre Arbeitsplätze zurückkehren.

Werten Sie die Ergebnisse aus

Eine der wichtigsten Maßnahmen ist die sorgfältige Nachbearbeitung der Übung, denn nur so können Sie von den Ergebnissen profitieren und gezielte Maßnahmen ergreifen, damit im Ernstfall alles reibungslos abläuft. Darum treffen sich die verantwortlichen Personen und die eingeteilten Beobachter am besten gleich im Anschluss an die Übung, um ihre Be- obachtungen auszutauschen. Fassen Sie diese im Übungsprotokoll und in einem ungeschönten Mängelbericht zusammen und analysieren Sie die Ursachen dieser Defizite. Erstellen Sie dann einen Maßnahmenplan mit den notwendigen Verbesserungen (einschließlich verantwortliche Perso- nen und Erledigungstermin) und arbeiten Sie die entsprechenden Punkte fristgerecht ab. Denken Sie daran, die Abarbeitung der Maß- nahmen zum vorgesehenen Zeitpunkt zu überprüfen.

Aufgrund Ihrer Auswertung sollten Sie bereits jetzt einen ungefähren Termin für die nächste Übung ins Auge fassen.

Wichtig: Geben Sie den Beschäftigten die Ergebnisse der Übung in Kurz- form bekannt, z. B. im Intranet oder am Schwarzen Brett. Vergessen Sie dabei nicht, ihnen für ihr Engagement zu danken, wenn alles gut gelaufen ist. Zeigen Sie aber eventuelle verhaltensbedingte Schwach- stellen deutlich auf und weisen Sie darauf hin, welche Folgen diese im Ernstfall hätten.

Nach Umbauten: „Sonderübungen“ sinnvoll

Vor allem nach Baumaßnahmen, wenn also z. B. ein Gebäudeteil verändert oder eine neue Halle angebaut wurde, sollten Sie eine zusätzliche Übung einplanen, damit sowohl Ihre Belegschaft als auch die Feuerwehr mit den neuen Fluchtwegen und Bedingungen vor Ort vertraut gemacht werden können.

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